Rückschaufehler / Hindsight-Bias

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Was ist der Rückschaufehler / Hindsight-Bias?

Definition:

„Der Rückschaufehler besteht in der Einschätzung und Behauptung, Schlüssel- Informationen, -Geschehnisse, -Treiber, -Akteure oder -Faktoren, die eine zukünftige Entwicklung hervorgerufen oder beeinflusst haben, hätten einfach identifiziert und berücksichtigt werden können.“[1]

Erklärung:

Personen, die Intelligence-Failures[2] untersuchen, überschätzen in der Regel den Grad an Vorhersehbarkeit für die untersuchten Ereignisse.[3] Hierbei ist besonders bemerkenswert, dass der Rückschaufehler selbst dann seine Wirkmächtigkeit behält, wenn man um seine Existenz weiß. Heuer merkt hierzu an: „Like optical illusions, cognitive biases remain compelling even after we become aware of them.“[4] Der Grund für den Rückschaufehler sieht Heuer bei dem Unterschied zwischen den zwei Modi Vorausschau und Rückschau. Beide Modi laufen unter vollkommen unterschiedlichen Voraussetzungen. Bei der Vorausschau, also einem Standardaufgabenbereich des Intelligence-Analysten, versucht dieser auf Grundlage unvollständiger und widersprüchlicher Informationen eine Aussage über mögliche künftige Entwicklungen zu formulieren (Intelligence Estimates). Hierbei wählt er unterschiedliche Informationen aus einem in der Regel deutlich umfassenderen Korpus an Informationen aus und nutzt diese, um entsprechende Aussagen zu formulieren. Im Bereich der Rückschau, also nachdem ein bestimmtes Ereignis eingetreten ist, kommt es zu einer abstrakten und auch konkret physischen Veränderung des Wissens. Wie ist das zu verstehen? Unser Gehirn besteht aus Millionen Neuronen und Verbindungen zwischen ihnen. Lernen wir etwas, verändert das welche Neuronen wie miteinander verbunden sind. Nehmen wir also neues Wissen auf, verändert dieses Wissen das mentale Abbild des Gegenstandes, über das wir etwas gelernt haben. Dieser Vorgang trägt sich unbewusst zu und verändert damit auch die Art und Weise, wie wir insgesamt über diesen Gegenstand nachdenken. Informationen, die mit diesem Gegenstand zu tun haben und die vorher vielleicht genauso wichtig oder unwichtiger erschienen, als andere, erhalten plötzlich eine enorm große Bedeutung, weil sie – in der Rückschau – deutlich auf das inzwischen eingetretene Ereignis hingewiesen haben. Aber zuvor waren diese Informationen nur Teil des Grundrauschens im Informationsraum. Das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Vorausschau und Rückschau. Relevant ist nun, dass es uns nicht möglich ist, uns nachdem wir um ein eingetretenes Ereignis wissen, in denselben kognitiven Zustand zu versetzen, wie zuvor. Die physische Struktur unseres Gehirns hat sich bereits verändert und diese Veränderung lässt sich nicht zurückstellen. Deshalb erscheinen beispielsweise Intelligence-Failures in der Rückschau für den Untersuchenden regelmäßig so aus, als wären sie leichter vorhersagbar gewesen, als in der Vorausschau. [5]

[1] Übersetzung basierend auf: Glossary of Cognitive Biases and Inappropriately-Used Heuristics, © 2017 Globalytica, LLC.

[2] Unter Intelligence Failure kann im Wesentlichen verstanden werden, dass ein bestimmtes Ereignis großer Tragweite nicht vorhergesehen werden konnte. Als klassische Intelligence-Failures werden in der US-amerikanischen Intelligence Community beispielsweise 9/11 oder die Analysen im Vorfeld der US-Invasion im Irak 2003 (Stichwort vermeintliche Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins) verstanden.

[3] Vgl. Heuer, Jr., Richards J.: Psychology of Intelligence Analysis, Center for the Study of Intelligence, 1999, S. 161. Das Buch kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

[4] Heuer, ebd., S. 162.

[5] Vgl. Heuer, ebd., S. 161 ff.

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